II. Stratigraphie des Schloßberges
von Alfred Werner Maurer
Die Bau- und Siedlungsgeschichte des Schloßberges erschließt sich aus den historischen Quellen und den Abfolgen der Baureste aus den Jahrhunderten[1]. Der unmittelbar am Saarlauf steil aufragende Felsen eignete sich zum fortifikatorischen Ausbau einer konzentrischen Burganlage.
Mittelalter bis 17. Jh.
Historische Quellen aus dem Jahre 989 berichten von dem kaiserlichen Castell Sarabruca[2].Im Jahre 1009 wird es Veste Sarebrugka genannt[3]. Nach einer Urkunde aus dem Jahre 1065 hat Herzog Friedrich von Niederlothringen die Burg vom König als Lehen erhalten. König Heinrich IV. schenkt das Castel Salemburca an Friedrichs Bruder Graf Adalbert von Saarbrücken, Bischof von Metz [4]. Im Jahre 1168 wird die Burg des Grafen Symon auf Befehl des Kaisers Friedrich I. zerstört[5]. 1277 erwähnen Archivalien Castel  und Bourg[6]. Eine Urkunde vom 11.01.1485 berichtet , daß Graf Johann III. begonnen hat ..ano 1459 wegen Kriegszeiten die beiden Städte zu befestigen und zu bewachen . Graf Johann IV.[7] begann im Jahre 1563 Bollwerke um die Burg anzulegen und eine Zugbrücke über den Graben zwischen Stadt und Burg zu bauen[8]. Der Historiograph der Grafen von Nassau-Saarbrücken Andreae berichtet, daß 1575 Graf Philipp zu Nassau-Saarbrücken das Sommerhaus zu Saarbrücken gebaut habe, und gibt in einer Grundrißskizze erstmals eine Vorstellung von der Burg[9].   Das trapezförmige Geviert war mit ungleich breitenGebäuden umschlossen. Der Wehrturm befindet sich in der Nordostecke der Vier-Flügelanlage. Die Vorburg auf der Saarseite wird nach Nordosten durch Gebäude abgeschlossen[10]. Das Sommerhaus, 1577 für den Grafen Philipp Christman Strohmeier[11] erbaut, ist auf dem südöstlichen Vorsprung des Saarfelsen angeordnet[12]. Die Burganlage wird im Nord-Osten durch den Saarfelsen und die Saar, im Süden durch einen Graben u. im Süd- u. Nord-Westen durch Bollwerk und Graben umschlossen. Der Zugang zur Burg erfolgte von der Stadtseite her über die Zugbrücke gegenüber dem großen Turm. In der Südecke des Gartens befindet sich der Rothe Turm[13],und gegenüber in der Nordecke steht das rund Thurmlein[14].
 
17. Jh.
Die Handzeichnungen des Henrich Höer geben die Schloßanlage des 17. Jh. authentisch und topografisch zuverlässig wieder[15]. Dieser übernimmt den in der Burg angelegten Vor- und Haupthof. Dargestellt ist eine Vier-Flügelanlage innerhalb eines Beringes mit verschiedenförmigen Bastionen. Die Schutzvorrichtungen der Schloßanlage - Türme, Mauern, Torbauten und Gräben - folgen der Topographie des Saarfelsens. Das Bollwerk wurde durch dreiecksförmige Eck-Bastionen verstärkt[16]. Vier Flügel, drei im rechten Winkel zusammengefügt, umgeben den trapezförmigen Haupthof. Das Geviert war mit gleichbreiten Gebäuden umschlossen. Die dreigeschossigen Baukörper werden durch vier in den Ecken des inneren Schloßhof eingestellte Treppentürme mit Wendeltreppen vertikal erschlossen. Nach Süden wird das Geviert durch vier übereinanderliegende Arkaden abgeschlossen. Der Vorhof auf der Saarseite wird nach Nordwesten durch den sogenannten Botzheimischen Bau[17], nach Südosten durch einen eingeschossigen kleinen Gaden-Trakt und im Norden von der Schloßmauer gebildet[18]. Das Sommerhaus auf dem südöstlichen Saarfelsen war dem Gartenhaus vorgelagert.
 
Übergang zum 18.Jh.
 Historische Nachrichten berichten über die Zerstörung des Schlosses durch Kaiserliche Truppen und die Franzosen am 18. Mai 1677[19]. Die Wiederherstellung des Schlosses erfolgte um 1696 durch den Architekten Josef Ph.C.Motte dit la Bonté im Auftrag der Gräfin Eleonore Clara, Witwe von Nassau aus dem Hause Hohenlohe und Sohn Ludwig Crato. Der Schloßflügel entlang dem Weg von St. Arnual Rauschen Thal, die heutige Talstraße, ist nach den erhaltenen Umbauplänen à la mode ausgeführt worden[20]. Der Schloßhof wird nach Süden zum Garten hin geöffnet und mit einem eingeschossigen Arkadengang umgrenzt. Das Gartenterrain wird über den Bering hinaus durch einen terrassierten Barock-Garten weit ins Tal erweitert. Eine Sepia-Zeichnung vom Schloß mit Marktplatz von Saarbrücken nach 1710 gibt eine Ansicht zu diesem Grundriß[21]. Der Westflügel ist geprägt durch den Bergfried, der zur staufischen Zeit entstand und bis zum Abbruch dieses Schlosses beibehalten blieb[22]. Dieser rechteckige fünfgeschossige Uhrenturm, sein oberstes Geschoß erhielt er im Jahre 1613, überragt den Dachfirst der vier Flügel und ist mit einer Schweifhaube mit Gauben und Laterne abgeschlossen. Die achteckigen Treppentürme in den vier Ecken des Innenhofes sind ebenfalls mit Schweifhaube abgedeckt. ( Plan I )
 
18. Jh.
Nach dem Tode des Grafen Friedrich Ludwig 1728 fielen die Besitzungen an den usingischen Zweig des nassau-saarbrückischen Hauses. 1735 teilte die Fürstin Charlotte Amalie von Nassau-Usingen die Erblande auf ihre Söhne auf. Carl, der ältere erhielt die rechtsrheinischen nassauischen Länder und der jüngere, Wilhelm Heinrich ,die linksrheinischen. Vom Tode der Fürstin 1738 bis zur Großjährigkeit seines Bruders 1741 führte Fürst Carl von Usingen die Geschäfte. Fürst Wilhelm Heinrich, innerhalb der deutschen Reichsstände eine quantité négligeable mit geringer militärischer Macht, kleinem Territorium und ohne Stimme im Reichstag, konnte seine diplomatischen Bemühungen nur auf ein gutes Verhältnis zum mächtigen französischen Nachbarn und zum Wiener Hof ausrichten. Kaiser Leopold I. hatte im Jahre 1688 den Grafen von Nassau-Usingen das Recht zum Führen des Fürstentitels bestätigt, die angestrebte Aufnahme in den Reichsfürstenrat mit Sitz und Stimme abgelehnt. Die Nassau-Usinger teilten die Grafenbank, aufgeteilt in das westfälische, fränkische, schwäbische und Wettenauer Grafenkolleg, mit insgesamt 4 Kuriatsstimmen. Fürst Wilhelm Heinrich versuchte 1753/54 und 1762/63 erneut ohne Erfolg, die Aufnahme in den Reichsfürstenrat mit Unterstützung Preußens durch Aufgabe seiner Ansprüche auf das niederrheinische Fürstentum Moers aus der Saarwerdener Erbschaft vom Jahre 1527 einzuhandeln[23].
Mit der Übernahme der Regierung durch die Söhne Charlotte Amalie von Nassau-Usingen 1735, Carl und Wilhelm Heinrich, wird der Architekt Friedrich Joachim Stengel aus Zerbst beauftragt, ein Gutachten über den baulichen Zustand dieses Schlosses zu erstellen. 1735 kam F.J. Stengel das erste Mal nach Saarbrücken und begutachtete das Schloß und traf den Nordflügel in gäntzlichen verfall des Dachs und gantzen eingebäudes an[24]. Der Südflügel war noch in gutem Zustand, aber mit gar schlechter commaditaet von einem ohn erfahrenen Architect erbauet. Der alte Schloßflügel befand sich in einem sehr gefährlichen Zustand und mit dem Seitenflügel zu seiner Zeit abzubrechen ohnumgänglich nöthing[25]. In diesem Gutachten vom 10.10.1735 empfahl Stengel zunächst dem Fürsten Carl und dem Prinzen Wilhelm Heinrich den Neubau eines Mittelrisaliten anstelle des Altans des Renaissanceschlosses und die Konservierung des alten Baues. Die Archivale geben uns weiter Kenntnis von der Planvorlage am 26.01.1739 für einen Neubau. Stengel bat den Prinzen Wilhelm Heinrich um die Entscheidung, 1. ob die Stellung der Neuen Gebäude nach dem plan Sub.Lit.A Gnädigst beliebt werde und 2. der Graben, so weith er zu dem Vorhof nöthig ist, zugeworfen, auch 3. die Zwey eingerichtete Wachthäußer, daselbst aufgeführet und unten mit gefängnißen gemachet werden sollen. 4. ob es bey der eintheilung derer drey plans Sub.Lit.B.C. u.D. sein Verbleiben habe und in der untern etage die Regierung, Renth Camer, Archiv und Forststube anzubringen seie, welchen falß die Decken alle gewölbt werden müßen, außer dem aber könnte die Wölbung weg bleiben. 5. Ob die 2 Haupt Treppen recht und lincker Hand zu machen seyn, wie das Model zeiget, oder aber nur die eine rechter Hand, wie solche in den Riß gezeichnet, bleiben solle. 6. Ob das Dachwerck mit seinen pavillons, pallustres, tropheen und andern verzierungen wie das Model und die Riße zeigen, zu machen seye, oder aber, ob nur das Bevedere auf dem Corps du logis angebracht und die andern Dächer gantz gerade ohne pavillons und verziehrungen gemacht werden sollen, welchen letzteren Fall bey 5000 fl. Erspahret werden könnten. [26]   Bereits drei Tage später, am 29.01.1739, erhält Stengel zu seiner Anfrage die Zustimmung des Fürsten Wilhelm Heinrich vorbehältl. unseres Herrn Bruders, Fürst Carls Drchlt. Annoch zu ertheilender approbation...[27].
 


[1] ) In chronologischer Reihenfolge sind folgende Kulturschichten nachzuweisen: römische Keramik,Teil einer Dachziegel/ Frühmittelalterlicher Besiedlungshorizont : 9.Jh.Keramik glatt-braun mit Zierbändchen, Weg, Stollen u. Stolleneingang zur Burg/ Karolingische Tongefäßscherben / Reste Bering mit 2 Vierecktürme u. Bergfried der mittelalterlichen Burg/ Staufische Zeit, 2.Hälfte des 13. Jh.,Keramik Reihe Randprofile von grauen gerippten Krügen und Bechern, violett-braunes,glasiertes u. strichbemaltes Geschirr, Mauerwerksreste aus Quaderlagen mit Bossierung, sauberem Randschlag u. feingepickter Fläche( Buckelquadertechnik)/ Kasematten des Renaissance-Schlosses, Dreiecksbastionen, unterirdische Gänge mit mittelalterlichen Steinzeichen, Treppenspindel des Gartenhauses, Reste von Wirtschaftsgebäuden, tonnengewölbter Keller des Botzheimischen Baues, Wasserleitungen und Pflaster. Einfahrt zum Schloß, Kapitell des Renaissanceschlosses, / Barocker Bestand des Schlosses, historischer Weinkeller neben Schloßkirche, Fundamente Marstall von 1738, Untergeschosse der Wacht-u. Gefängnispavillons, Reste der Terrassen und Treppenanlage,Kapitell des Mittelpavillon, Fayence u. Porzellangeschirr aus der 1. Hälfte des 18. Jh., feingeschliffenes Trinksecices der fürstl. Tafel, Meißener Porzellanfigur (kl. Hirschkuh) u.s.w.
[2]Jungk I, Reg. 35 (999, April 14, Rom)
[3] ) Jungk I, Reg. 37 (1009)
[4] ) Jungk.I, Reg. 40 (1065, Saarbrücken)
[5] ) Jungk.I, Reg.10 (1168)
[6] ) Jungk. I. Reg. 561/562 ( 1277, Juli 2)
[7] ) genannt der Senf, wegen seines streitbaren Wesens.
[8] ) Urkunde vom 11.01.1485, bei Ruppersberg III, 1903, 31.
[9] )HHStA Wiesbaden, in : 1002, 5, fol. 266 Grundrißskizze des Registrators Johann Andreae ( um 1638?)
[10] )Beim Ausschachten des unterirdischen Verbindungsganges zwischen dem Nord- u. Südflügel anläßlich der Wiederherstellung des Schlosses wurden vom Verfasser die Reste des Tordurchganges von dem im Plan Andreae eingetragenen Gebäude E, welches die Burg von der Vorburg getrennt hatte, aufgefunden. Im Plan Andreae wird der nördliche Gebäudeteil mit Lang, schmal, höltzern Bauw. und der andere Teil mit Grav Philipßs Gemach bezeichnet.
[11] ) Christmann Strohmeier, tätig in Homburg, Schloß Philippsborn, in Neunkirchen, und bestellt 1575 als kurpfälzischer Baumeister.
[12] ) Die Pläne der Ausgrabung aus dem Jahre 1938 und 1962 sind im Rathaus Saarbrücken, Kreisplanungsstelle archiviert.
[13] ) Rollé Friedrich: Curiosa Rolleiana o.J., Ende des 18. Jh., LKA Sbr., H 15: Die Rothe Türme sehen nicht roth aus, sondern heißen von der Blut Fahne, welche oben in signum prodictionis criminalis herausgehängt wurde, der, in Halle, Mainz, Meißen, Prag, Hannover, Saarbrücken .... Die Fundamente und ein Teil der mit Buckelquadern errichteten Turmmauer des Rothen Turms wurden vom Verfasser im Oktober 1989 bei Bauarbeiten freigelegt. Diese Turmanlage ist auch identisch mit dem dickwandigen größeren Turm in der Zeichnung Hoer.
[14] ) HHStA Wiesbaden, in : 1002, 5, fol. 266 Grundrißskizze des Registrators Johann Andreae ( um 1638?)
[15] ) HHStA Wiesbaden: Abt. 3011, Nr. 3715, 35 BII. Abrisse derer Nassauischen Residentz Schlösser von Henrich Hoer (1617).
[16] ) Im Oktober 1983 wurde vom Verfasser bei den Ausschachtungsarbeiten zum technischen Nebengebäude an der Talstraße ein Teil dieser umfangreichen Befestigungsanlagen in verschiedenen Schichten ausgegraben. Diese SO-Bastion des 17. Jh. und die südwestliche Wehrmauer wurden in dem Neubau des technischen Nebengebäudes miteinbezogen und können besichtigt werden.
[17] ) Der Botzheimische Bau benannt nach dem dort um 1728 wohnenden Oberforstmeister, nach: Lohmeier, K.: 1911, 30, Anm.3
[18] ) Kleiner eingeschossiger Quertrakt vor dem trapezförmigen Sommerhaus. 
[19] ) Köllner, Adolph, Geschichte der Städte Saarbrücken und St. Johann, Bd. 1, S. 315
[20]) Koblenz , Abt. 22, Archivalien aus nassau-saarbrückischem Besitz , ein farbiger Plan mit Ansicht des südlichen Schloßflügels und eine Zeichnung eines Barock-Portals mit 2-läufiger Treppe.
[21] ) Diese Zeichnung wird Anton Köhl zugeschrieben (in: Gesch. U. Landschaft an der Saar, 21. April 1962, Nr. 20. Ein niedriger Arkadentrakt ist anstelle des ehem. Ostflügels eingezeichnet.
[22]) Bei Kanalisationsarbeiten im August 1977 entdeckte man eine 3 m dicke Mauer, welche zum Hauptturm des Renaissanceschlosses (1602-1687) gehörte. Im März 1989 wurde dann beim Abtragen der Freitreppe und der Neugestaltung des Schloßplatzes das komplette Turmfundament freigelegt.
[23] ) Die Grafschaft Moers war 1707 zum Fürstentum mit Sitz und Stimme im Reichsfürstenrat erhoben worden.
[24] ) Lohmeyer, K.: F.J. Stengel, Düsseldorf 1911, S. 98.
[25] ) Lohmeyer, K.: F.J. Stengel Düsseldorf 1911, S. 98.
[26] ) Lohmeyer, K.: F.J. Stengel Düsseldorf 1911, S. 101 u. 102.
[27] ) Lohmeyer, K.: F.J. Stengel Düsseldorf 1911, S. 102.

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